Wichernheim Heidelberg

Wenn Angst, Hunger und Kälte zu Begleitern werden

Florian Schnurr berichtet von seiner Zeit als Obdachloser in Heidelberg - Odyssee durch die Ämter - Jugendagentur begleitet den 23-Jährigen

Quelle: Rhein- Neckar- Zeitung, ZeitJung, 1. Februar 2019, Lukas Werthenbach

Heidelberg/Leimen. Fünf Taschen und ein Rucksack: Darin ist alles, was Florian Schnurr noch besitzt, als er seine erste Nacht auf der Straße verbringt. Der 21-Jährige kann nicht mehr zu Hause bei seinen Eltern bleiben, er kommt zunächst bei einem Freund unter. Der muss ihn bald vor die Tür setzen, die meisten Nächte verbringt Florian fortan am Heidelberger Hauptbahnhof. Er ist alleine, hat kein Geld und kennt sich in der Stadt kaum aus. Angst, Hunger und Kälte sind nun seine einzigen Begleiter.

"Eine Woche länger hätte ich das wohl nicht ausgehalten", sagt er heute im Rückblick auf drei Wochen Obdachlosigkeit im Herbst 2016. Dem inzwischen 23-Jährigen geht es nun besser, sein starker Charakter und Disziplin halfen ihm dabei. Sein neues Leben hat er auch einigen Hilfseinrichtungen zu verdanken - und einem anderen Obdachlosen, der ihm erst den Weg dorthin zeigte.

Florian war schon kurz vor dem Ziel. Nach dem Hauptschulabschluss beendete er die Berufsfachschule für Labortechnik, was der Mittleren Reife entspricht. "Das war noch mein bestes Jahr, ich hatte einen Notenschnitt von 2,3", erzählt er. "Labortechnik hat mir schon immer am meisten Spaß gemacht." Er wollte mehr und wechselte die Schule, um auch die Fachhochschulreife zu schaffen - und verpasste sie knapp: "Meine Note lag bei 4,1."

Danach wurde es schwierig daheim. Florian lebte im Ortenaukreis bei seiner Mutter und seinem Stiefvater, gemeinsam mit vier Halbgeschwistern. Der Stiefvater wurde arbeitslos. "Trotz Kindergeld hat das Geld nicht mehr gereicht", so der heute 23-Jährige. Daher trafen seine Eltern eine Vereinbarung mit ihm: Um weiter daheim wohnen zu dürfen, musste Florian entweder einen Job finden oder zur Schule gehen. "Ich habe Hunderte Bewerbungen geschrieben, meistens kam nicht mal eine Antwort", sagt er mit Bedauern.

Im Herbst 2016 war es so weit: "Es ging zu Hause nicht mehr." Er packte seine Taschen und ließ seine Heimat hinter sich. Zunächst rief er einen alten Freund in Leimen an. "Dort konnte ich erst einmal wohnen und wollte mir möglichst schnell zumindest einen Minijob besorgen." Er wollte als Mitbewohner einziehen und die Miete teilen. Plötzlich meldete sich aber der Vermieter zu Wort: "Die gesetzliche Besuchszeit in der Wohnung beträgt höchstens sechs Wochen", hieß es damals. Also musste Florian raus.

"Meine erste Nacht auf der Straße habe ich an einer Haltestelle zwischen Leimen und Heidelberg verbracht", erinnert sich Florian, "jedenfalls an der Straßenbahnlinie 23". Abwechselnd sitzend und liegend kauerte er auf der Bank - "richtig geschlafen habe ich nicht". In den Tagen danach erlebte er eine Odyssee. "Ich wurde immer im Dreieck zwischen Landratsamt, Rathaus und Amt für Soziales hin- und her geschickt."

Der Hintergrund: Normalerweise ist die Stadt Heidelberg verpflichtet, für jeden Wohnungslosen eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen - allerdings nur für jeden, dessen jüngste Meldeadresse auch in Heidelberg liegt. Dass Florian zudem aus einem anderen Landkreis stammt, wurde zum Problem: "Niemand fühlte sich für mich zuständig."

Immer wieder von den Behörden vertröstet, begann auf der Straße der Kampf ums Überleben. Am Heidelberger Hauptbahnhof fand er einen geschützten Platz zum Schlafen. "Es war zwar Herbst, aber die Temperaturen waren nachts schon teilweise unerträglich."

Tagsüber ging es vor allem darum, satt zu werden. "Ich habe angefangen, in der Fußgängerzone Geld und Essen zu schnorren", erzählt er. Schnell habe er Strategien entwickelt, um sich einerseits möglichst wenig aufzudrängen, andererseits aber auch Erfolg zu haben. "Ich habe immer geschaut, wer freundlich aussieht und wo es sich lohnen könnte."

Und der Erfolg hänge stark von der Wortwahl ab, weiß Florian: "Man muss höflich sein." In "Kleinstschritten" sammelte er so sein Geld. "Meistens habe ich mir davon eine Ein-Kilogramm-Packung Fertiglasagne gekauft." Die habe ihn für zwei Tage gesättigt. Mit seinem Freund in Leimen hatte Florian vereinbart, dass er dreimal in der Woche tagsüber vorbeikommen durfte. "In der Wohnung habe ich den Backofen genutzt und mich geduscht", erzählt er.

Nach drei Wochen auf der Straße sprach ein anderer Obdachloser Florian an. Der habe ihn erstmals auf ein Heidelberger Obdachlosenheim hingewiesen, erzählt Florian. Er versteht nicht, warum ihm bei seinen etlichen Behördenbesuchen nicht schon jemand von solchen Hilfsangeboten erzählte. Im Heidelberger Wichernheim bekam er einen Schlafplatz, später konnte er sich beim Job-Center als arbeitssuchend melden.

Florian verlor das Ziel eines Jobs und eines Wohnsitzes nie aus den Augen, sodass es nach zwei Jahren im Wichernheim noch besser für ihn wurde: Er kam in Kontakt mit der Heidelberger Jugendagentur, die sich um junge Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf kümmert. Die Einrichtung vermittelte ihm ein Zimmer in einer privaten Wohngemeinschaft.

Ein Sozialarbeiter begleitet ihn in den nächsten Monaten. Florians größtes Ziel ist nun ein Ausbildungsplatz in seinem Fachgebiet, der Labortechnik. Auch Maschinenführer ist ein Beruf, der ihn interessiert. Kurzfristig freut er sich aber erst mal auf was anderes: "Bisher schlafe ich in der WG auf dem Boden", erzählt er strahlend, "in dieser Woche will ich mir ein Bett kaufen" - sein erstes eigenes Bett seit über zwei Jahren.

Quelle: Rhein- Neckar- Zeitung, ZeitJung, 1. Februar 2019, Lukas Werthenbach

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